„Tierschutz darf nicht zum Glaubensthema werden"

von Community Manager am ‎21.05.2012 15:26 (1.453 Ansichten)

Ein Gespräch zwischen Albert Baumann, Leiter der Micarna, und Hansuli Huber, Geschäftsführer des Schweizer Tierschutzes, über Verantwortung für das Tierwohl.
Gespräch: Bernhard Raos*

Herr Huber, was würden Sie als Chef von Micarna anders machen?

Hansuli Huber: Ich sehe mich offen gestanden nicht in dieser Funktion. Herr Baumann hat einen sehr anspruchs­vollen Job – von den ökonomischen Ge­gebenheiten her und wegen des grossen Kostendrucks. Dazu kommen die all­ gemeinen Herausforderungen, wovon wir vom Schweizer Tierschutz nur eine unter vielen sind.

Und wenn Sie in der Funktion von Herrn Huber wären, Herr Baumann?

Albert Baumann: Ich würde die Zu­sammenarbeit mit den Grossverteilern so weiterführen, wie sie seit vielen Jahren läuft. Auch wenn wir nicht immer gleicher Meinung sind, lässt sich so für das Wohl der Nutztiere am meisten bewegen. Tierschutz darf nicht zum Glaubensthema werden.

Wie zufrieden sind Sie, Herr Huber, als Tierschützer mit dem Fleisch­angebot der Migros?

Huber: Die Migros hat jahrelang zu wenig konsequent auf artgerechte Tier­haltung gesetzt und zu lange mit ver­schiedenen Produktelabels operiert. Mit dem Terra­Suisse-­Programm und dem Weide­-Beef-­Label ist die Orien­tierung für die Konsumierenden nun besser. Was auch gesagt werden muss: Wenn die Grossverteiler nicht mit­gezogen hätten, wären wir mit nutztier­gerechter Haltung hierzulande viel weniger weit. Ein leidiges Kapitel ist hingegen das Importfleisch.

Baumann: Mit unserem ersten Fleisch­ programm M­Sano Anfang der Neun­zigerjahre waren wir Vorreiter in der Schweiz und mussten auch Lehrgeld zahlen. Wir haben dann beim Label­aufbau dreimal den Namen gewechselt, was rückblickend betrachtet nicht gut war. Für die Konsumierenden fehlte so die Kontinuität.

Warum ist Importfleisch ein leidiges Kapitel?

Huber: Teilweise stammt Importfleisch aus miserabler Haltung. Hier müssen die Importeure mehr Verantwortung übernehmen und sich nicht auf laschere Gesetzesbestimmungen im Ausland hinausreden. Es ist auch eine Frage der Glaubwürdigkeit gegenüber den Produ­zenten im Inland, die viel in tierfreund­lichere Haltung investieren mussten.

Baumann: Beim Importfleisch haben wir wegen der veränderten Rahmen­bedingungen einen Rückschritt gemacht. Früher konnten wir beispielsweise dank einer fixen Importberechtigung ein Fleischprogramm in Österreich auf­bauen, das die gleichen Anforderungen wie in der Schweiz erfüllte. Nun gilt ein Versteigerungssystem, wo nur der Preis entscheidet. Weil wir die Import­menge nun nicht mehr planen können, mussten wir ausländische Programme aufgeben. Und wir brauchen Importe, da die Inlandproduktion nicht ausreicht.

Huber: Kaum ein Konsument kennt die Tierhalte­-Bestimmungen in der Schweiz, geschweige denn im Ausland. Er muss sich darauf verlassen können, dass die Migros als gutes Schweizer Unternehmen nur Importfleisch aus tier­gerechter Produktion verkauft. Mess­latte muss unser Tierschutzgesetz sein.

Hat der Konsument dabei auch eine Verantwortung?

Baumann: Er hat die Wahlfreiheit und damit auch eine Verantwortung. Wenn es um den Kaufentscheid geht, ist oft der Preis entscheidend.

Huber: Einverstanden. Verantwortung hat aber zuerst der Produzent. Er hat die Tiere artgerecht zu halten. Dann sind der Detailhandel und der Tier­transpor­teur mitverantwortlich und schliesslich die Fleischesser. In der Schweiz sind wir mittlerweile bei einem Umsatz von drei Milliarden Franken für tierfreundliche Produkte. Es machen also viele Konsu­mierende mit, bei andern bleibt es leider beim Lippenbekenntnis. Zudem sind wir Schweizer auch beim Fleisch meist Rosinenpicker.

Wie meinen Sie das?

Huber: Ein Hauptproblem beim Fleisch­ konsum ist das «Edelfressen». Beispiel Lamm- und Schaffleisch: Allein für den Schweizer Bedarf an Edelstücken werden in Australien und Neuseeland jährlich rund zwei Millionen Tiere geschlachtet. Wir essen nur das Beste vom Tier und klagen über den Preis. Natürlich ist Filet teurer als etwa Braten.

Baumann: Auch die Fleischsorten­-Wahl ist ein Entscheid. Wir als Verarbeiter wollen nicht nur Filets verkaufen, und dies ist eine immer grössere Herausfor­derung. So müssen wir Fleischprodukte exportieren, weil sie hierzulande nie­mand mehr kauft. Oder auch energetisch verwerten, was letztlich eine Protein­vernichtung bedeutet.

Die Konsumenten sind auch durch eine Vielzahl von Fleischlabels stark gefordert.

Baumann: Hinter den verschiedenen Labels und Marken stehen unterschied­liche Anforderungen bezüglich Tier­schutz und Ethik. Wir wollen Konsu­mierenden diese Zusammenhänge aufzeigen und die gesamte Wertschöp­fungskette transparent machen. Bei gewissen Fleischprogrammen kann man übers Internet auf die Produzenten­betriebe klicken. Jeder Kunde soll die Sicherheit haben, sein Fleisch mit gutem Gewissen einkaufen zu können.

Huber: Aus unserer Sicht sind Konsu­mierende nicht überfordert, denn bei den Labels hat in den letzten Jahren eine Flurbereinigung stattgefunden. Was Sie als Konsument brauchen, sind nicht Hofbesuche, sondern Vertrauen in den Produzenten und den Verarbeiter. Ge­nau dafür gibt es Labels und Kontrollen. Es hat nicht zu wenig Informationen – im Gegenteil; Tausende Themen buhlen um unsere Aufmerksamkeit.

Genügen die gesetzlichen Kontrollen und Sanktionen?

Huber: In erster Linie sind die Behör­den gefordert. Es reicht nicht, nur angemeldet zu kontrollieren. Auch die läppisch tiefen Bussen für fehlbare Tierhalter sind nicht akzeptabel. Allein schon deswegen, um die 99 Prozent der Bauern zu schützen, die ihre Tiere kor­rekt halten. Die meisten Labels setzen neben den staatlichen auch auf unabhän­gige eigene Kontrollen. Und: Die Schweiz sollte grundsätzlich allen Nutz­tieren einen Auslauf ins Freie gewähren.

Baumann: Wo das Tierschutzgesetz nicht eingehalten wird, muss rigoros durchgegriffen werden. Sonst kommt es zu den üblen Fällen, die eine ganze Branche in Misskredit bringen. Unsere Fleischprogramme gehen teilweise über die gesetzlichen Anforderungen hinaus. Schwarze Schafe fliegen aus unseren Programmen. Das Tierschutzgesetz muss primär dem Tierwohl dienen. 


Hansuli Huber
Dr. sc. nat. Hansuli Huber ist Geschäftsführer des Schweizer Tierschutzes STS. Der Agronom ist ein gefragter Referent und vertritt die Interessen des Tierschutzes in verschiedenen Gremien.

Albert Baumann
Albert Baumann ist Unternehmensleiter der Micarna SA. Mit 2300 Mitarbeitenden gehört die Micarna zu den führenden Unternehmen im Schweizer Fleischmarkt. Sie wurde von der Migros-Genossenschaft 1958 gegründet. Zum Leitbild des Unternehmens gehört das Bekenntnis zu einer fairen Tierhaltung.


*Dieser Text stammt aus der Mai-Ausgabe von Vivai, dem Wohlfühl- und Nachhaltigkeitsmagazin der Migros.
Vivai anschauen und bestellen unter www.migros.ch/vivai.

Kommentare
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von moz
am ‎23.05.2012 14:37
Ich kaufe nur noch Terra Suisse-Fleisch. Gerade das Poulet ist wesentlich besser als das von Optigal.

Und: Tierschutz IST ein Glaubensthema.
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von Shila
am ‎22.06.2012 08:04
Findi ich einen super Beitrag - ein guten Beispiel einer Diskussion zweier Parteien die nicht mit dem Finger auf den Anderen zeigen und nur dort die Fehler suchen.

Mein Motto: Augen auf beim Fleischkauf!

Generell nur schweizer Fleisch aber auch hier muss man vertrauen haben auf das Label, auf die Personen die die Tiere halten und auch Kantonsveterinäre die "Schwarze Schafe" konsequent berichtigen und nicht nur wie man leider auch oft mals hört durch Kollegialtiät und weitere Nutzen die Augen verschliesst.

Weniger ist mehr - also lieber einmal ein schönes teureres Stück Fleisch und dann etwas mehr bezahlen als täglich irgendetwas fleischiges was wir sowieso nicht mehr brauchen - wir arbeiten schliesslich nicht mehr 13h auf dem Feld! :)
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von Nero12
am ‎27.11.2014 19:06

Wenn ich für Salat, Gemüse und Käse mehr bezahlen muss als für Fleisch, dass läuft einiges schief in unserer Gesellschaft. Es kann und darf nicht sein, dass ein Tier sein Leben für uns Fleisch(f)resser hergeben muss und nicht einmal die Achtung vor dem Lebewesen da ist.