Die Namen der Eigenmarken: Von der Brücke zum klassischen M

von Community Manager am ‎06.02.2012 10:45 (1.365 Ansichten)

Migipedia-User Martinello hat auf dem Forum eine wunderbare und unterhaltsame Ode an die Migros-Marken geschrieben. Diese möchten wir euch keinesfalls vorenthalten. Viel Spass beim Lesen und Erinnern!

«Wer gelegentlich in der Migros einkaufen ging, ist mit ihnen gross geworden: den vielen hübschen Eigenmarken-Namen. Einige davon sind kürzlich aufgegeben worden. Höchste Zeit für eine kleine Reverenz!

Die Brücke auf dem Zuckerpaket war schon im Kindergartenalter leicht erkennbar. Als Schüler dann, soeben lesefähig und noch an Mamas Hand, entzifferte man geniesserisch erste Aufschriften wie MICAMU und dachte dabei an die Caramels mit Frischrahm von der Kuh. Wenn zuhause noch FRELITTA aufs Brot kam (es musste nicht immer Nutella sein), war das Glück perfekt. Dass der Name etwas mit "Chocolat Frey" zu tun hatte, wusste ich damals noch nicht, aber er schmeckte süss und klang nach Freiheit.

In der Pubertät und weit darüber hinaus wollte man anders sein als der dominante Mainstream: was lag da näher, als die ewiggleichen Marken der 'Multinationalen' links liegen zu lassen und die sich stolz im Meer des Grosskapitalismus behauptenden kleinen Eigenmarken vorzuziehen: man duschte zusammen mit IDUNA, der nordischen Göttin, die ewige Jugend verlieh (später lag man gern im FANJO-Bad, dessen Wärme einer Mischung aus heisser Fango-Therapie, Fun und viel 'Ich'-Kultur - il mio io - entsprach).

Nach dem Auszug von zuhause stand auf dem WG-Tisch BONCAMPO-Kaffee, der schmeckte gut und erinnerte an die revolutionären Campesinos in Südamerika. Zum Zmittag gab’s deshalb sicher keinen US-Uncle Ben's-Reis, jener von TANTE CAROLINE klang, Kolonialware hin oder her, weniger nach Kolonialismus. Dazu ein APROZ-COLA, und für weisse Zähne wurde anschliessend zu CANDIDA gegriffen, dann brauchte man kein Signal von Sunlight. Für die Gesichts- und Körperpflege schliesslich stand eine charmante, scheinbar osteuropäische Schönheit namens JANA zur Verfügung, die zwar genau genommen nur aus dem Aargau kam - immerhin aber von MIBELLE. Für die nobleren Gesichter drängte sich später ZOE auf - eine byzantinische Kaiserin, die aber emanzipiert und mit viel sozialem Engagement auftrat: nach dem Tod ihres ersten Mannes heiratete sie einen Kammerdiener, zwischendurch regierte sie mit ihrer Schwester und ehelichte schlussendlich noch Konstantin IX. Das alles im orientalischen Mittelalter! Es machte uns WG-Studenten mächtig Eindruck, so dass ZOE-Cremen hoch im Kurs standen, obwohl sie für die reifere Haut gedacht sind. Aber schliesslich hatte man die 'mittlere Reife', die Matur, hinter sich.

Und wurde denn in der WG auch schmutzige Wäsche gewaschen? Na klar, TOTAL gern und mit ELAN. In der Waschküche der Eltern standen noch BELLA/LINDA, das eine zum Vor-, das andere zum Hauptwaschen. Als ich einmal entdeckte, dass auch die ostdeutsche 'DDR' ein Waschmittel so nannte (Wirtschaftsspionage in der Schweiz?), freute das die 'alternative' WG ungemein.

Doch auch der bürgerliche Haushalt erfreut sich bis heute an den Migros-Marken: schnelle Vielzweckreiniger von HOPP zu HOPI, POLY und POTZ standen und stehen im Angebot, für die feine Wäsche gar eine hübsche Welsche, YVETTE, die auch den Deutschweizern gefällt ("I wett Yvette").

Zum Pasta-Essen lieben die einen CARAMIA, andere stehen auf den TIPO M oder die ZIAMARIA, während die Hauskatze bei ihrem RONRON-Futter friedlich auf Französisch schnurrt: ronron, ronron. Alle sind mit ihrer Mahlzeit zufrieden, denn in den MIVIT-Pfannen sind sämtliche Vitamine erhalten geblieben, und gewürzt wird mit geheimnisvollem, golden schimmernden Pulver: MIRADOR. Hausfrau oder -mann bringt zuletzt mit MIOBRILL den Herd zum Glänzen, eventuell auch noch die Möbel, dank BRILLA-Politur.

Dass mit der Zeit Englisch trendiger wurde, zeigen auch die Namen der Eigenmarken: das Birchermüesli ist jederzeit REDDY und aufgetischt, die MIODOUCE-Weichspüler hiessen später MIOSOFT. Zum Wandern braucht es SUNLOOK gegen Sonnenbrand und SUNQUEEN-Trockenfrüchte gegen einen Hungerast. Aber das Französisch-Beschwingte wurde nie ganz aufgegeben: LIGHT-Produkte nennen sich heute LEGER, und für die gehobene Küche gibts SELECTION zu kosten, so dass man weniger 'fooden' muss. Selbst das spanisch-lebensspendende Darvida lässt sich bei der Migros als französisch-italienischen "Weizen zum Leben" finden: BLEVITA.

Vielen Körperteilen bietet das M-Sortiment etwas Feines: für Hand und Fuss EFINA sowie PEDIC-Salben, für den Mund CAFINO-Instant-Kaffee, und für unter der Gürtellinie MOLFINA, damits trocken bleibt.

Seit kurzem werden einige dieser Erzeugnisse nur noch als M-Klassiker ausgelobt: adieu Crèmeseife GIDE, die dem eleganten französischen Autor André Gide wie auch seinem Namensvetter Charles (einem Verfechter des Genossenschaftsgedankens) gleichermassen gefallen hätte. Bye-bye LINSOFT-Wegwerftaschentuch, das du uns in deinem Namen noch an jenes aus Leinstoff (Leinen, Linnen) unserer Grossväter erinnert hast! Und tschüss SANESSI-Apfelessig, möge uns tief in Erinnerung bleiben, wie gesund dieser Essig ist! - Wie lange wird uns vom untersten Gestell aus MARC AURELE noch anlächeln? Römischer Kaiser, Adoptivsohn und Namensgeber für einen Migros-Männerduft, schrieb er schon früh seine Gedanken über die Unbeständigkeit des Daseins...

Ein Trost bleibt: sehr viele Migros-Marken verschwinden nicht. Man wünscht sich unter kalifornischem Sonnenaufgang weiterhin ein griechisches 'calimera/Guten Morgen: CALIFORA! Alsdann wird mit dem praktischen HANDY oder MANELLA manuell Geschirr gewaschen, und weil ein Coiffeurbesuch dank GOLDEN HAIR PROFESSIONAL unnötig geworden ist, kann vor der Einkehr in der mütterlich anmutenden ANNA'S BEST-Küche noch etwas aus Büchern EX LIBRIS gelesen werden. Das Fleisch DON POLLO kommt aus einem Stall, wo es die Hühner so optimal schön haben wie sonst nur in Gallien: OPTIGAL! Zum Dessert: goldene MIDOR Biscuits und Glacés. "Prost Aproz!", sagt ein Walliser. Seine Grossmutter freut sich auf den traditionellen Filterkaffee EXQUISITO, während die Tochter spielen gehen möchte und zum Himmel hochschaut. SKAI, heisst das für sie, seit sie das Frühenglisch besucht. So wie ihre Lieblingskaugummis, die einzigen 'made in Switzerland'. "JOWA?" Ja doch. Bravo!

Genauso beherzt wurde im Luxusglacé-Segment schon vor Jahren dem europäischen Markenprodukt 'Hägen Dasz' die kleine frische ROYAL CLASS entgegengesetzt. Und noch heute, wo es in der ganzen EU nur 'Magnum'-Stängel zum Lutschen gibt, kommt von den lieblichen Gestaden des Zürichsees der rahmig-exklusive MEGASTAR aus Schweizer Milch und Schokolade. Ein bisschen stolz auf diese Eigenmarken, diese eigensinnigen Eigengewächse (die MIFA ist z.B. die letzte grosse Waschmittelfabrik hierzulande), dürfen wir durchaus sein.»

Wir danken Martin herzlich für diesen schönen Text. Habt ihr auch nostalgische Erinnerungen an alte Migrosmarken?