Begehrte Frucht

von Vivai am ‎08.03.2013 08:15 (2.063 Ansichten)

Palmöl - ein Thema, das auf Migipedia immer wieder für Diskussionen sorgt. Auch wir von der Migros befassen uns damit, und unser Magazin Vivai hat neulich hinter den Kulissen der Produktion einen Augenschein genommen. Die industrielle Nachfrage nach Palmöl hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Die Migros setzt sich dafür ein, dass der Rohstoff umweltverträglich produziert wird.
von Michael West*

Was haben Fertigpizza, Margarine und Lippenstift gemeinsam? Es steckt – wie in vielen anderen Konsumgütern – oft Palmöl drin. Der Rohstoff, der vor allem in Südostasien auf riesigen Plantagen gewonnen wird, ist zum gefragtesten Pflanzenöl geworden. Es ist aus der modernen Warenwelt kaum noch wegzudenken.

«Es handelt sich um eines der wenigen Öle, die schon bei Zimmertemperatur eine feste Konsistenz haben», erklärt der Agronom Urs von Planta, der als Palmölspezialist für den Migros-Genossenschafts-Bund arbeitet. Der Stoff aus den Tropen sorgt dafür, dass beispielsweise Lippenstift nicht zu weich und Brotaufstrich nicht zu dünnflüssig ist. Andere Öle müssen erst künstlich gehärtet werden, was Transfette entstehen lassen kann, die in Nahrungsmitteln als ungesund gelten. Ausserdem bringt die künstliche Härtung Aufwand und Mehrkosten mit sich.

Hinzu kommt, dass die Ölpalme eine sehr ertragreiche Pflanze ist. «Pro Hektar lassen sich pro Jahr 4000 bis 6000 Liter Palmöl produzieren», sagt von Planta, der selber zwei Jahre auf Plantagen gelebt und gearbeitet hat. Andere Ölpflanzen, etwa die Sojapflanze oder die Kokospalme, würden auf der gleichen Fläche weniger Rohstoff liefern.

Engagiert seit vielen Jahren
Trotzdem hat Palmöl einen zwiespältigen Ruf. Weil die ganze Welt den Wunderstoff will, werden in Entwicklungsländern Tropenwälder durch Brandrodung vernichtet und Sumpfgebiete trockengelegt. Seltene Tiere und Pflanzen verlieren ihren Lebensraum. Die Flächenbrände setzen zudem grosse Mengen an Treibhausgasen frei.

Die Migros setzt sich gegen solche Missstände ein und engagiert sich für die umweltverträgliche Produktion des Rohstoffs. Die 20 Industriebetriebe der Migros, die unter dem Dach der M-Industrie vereint sind, haben sich in diesem Zusammenhang ein ehrgeiziges Ziel gesteckt: Ab 2015 wollen sie nur noch Palmöl von nachhaltig bewirtschafteten Pflanzungen verwenden. Gegenwärtig benötigen die Unternehmen der M-Industrie pro Jahr 6000 Tonnen Palmöl.

Das Engagement der Migros reicht weit zurück: Bereits 1999 definierte sie zusammen mit dem WWF erste Kriterien für eine ökologische Palmölproduktion. Schon damals ging es darum, das Zerstören von Tropenwäldern einzudämmen. Für ihre Pionierleistung erhielt die Migros 2002 am Uno-Umweltgipfel in Johannesburg eine Auszeichnung. Zwei Jahre später gründete sie mit dem WWF und anderen Institutionen den Roundtable on Sustainable Palm Oil (RSPO). In dieser internationalen Organisation sind Palmölproduzenten, die verarbeitende Industrie, Grossverteiler, Banken sowie Umwelt- und Sozialorganisationen vertreten. Gemeinsam setzen sie sich dafür ein, dass bei der Palmölproduktion artenreiche Waldgebiete verschont bleiben, dass die Sicherheit der Plantagenarbeiter gewährleistet ist und dass die Landrechte der einheimischen Bevölkerung respektiert werden.

Nachhaltigkeit hat viele Facetten
Dass die M-Industrie nun ganz auf nachhaltig produziertes Palmöl umstellen will, ist also nur ein weiterer, wenn auch grosser Schritt. Eine Schlüsselrolle fällt dabei der Ölpalmen-Plantage in Kambodscha zu. 2012 bezog die M-Industrie rund 2000 Tonnen Palmöl von dieser Pflanzung rund 150 Kilometer südlich von Phnom Penh. Diese Menge soll aber noch gesteigert werden. Die Plantage entspricht auf den ersten Blick nicht dem, was sich ein Europäer unter Nachhaltigkeit vorstellt: Mit einer Fläche von 110 Quadratkilometern ist sie deutlich grösser als die Stadt Zürich. Die zehn Meter hohen Palmen stehen in Reih und Glied. Aus der Luft erinnert die Monokultur an einen riesigen Teppich mit einem Muster, das sich scheinbar endlos wiederholt.

Dennoch ist die Plantage in Sachen Nachhaltigkeit vorbildlich: Die Arbeiter nähren Palmsetzlinge mit Dünger aus Palmblättern. Die Pflanzung hat ihre eigene Ölmühle, die mit Druck und Hitze Palmöl aus rotorangem Fruchtfleisch gewinnt. Ausgepresste Früchte werden in dieser Anlage als Brennstoff rezykliert. Die Betreiber haben sich dazu verpflichtet, auf Brandrodung zu verzichten.

Um sich vor Ort ein Bild der Produktionsbedingungen zu machen, reiste im vergangenen Herbst eine Migros-Delegation um Marketingchef Oskar Sager und M-Industrie-Chef Walter Huber nach Kambodscha. Direkt auf der Plantage konnten sie den Arbeitern bei der körperlich anspruchsvollen Ernte der fettigen Früchte zusehen. Mit langen Stangen, an denen sichelförmige Klingen befestigt sind, schneiden die Männer die 20 Kilo schweren Fruchtstände aus den Baumkronen. Die Fruchtbündel werden anschliessend zur Strasse getragen und mit dem Lastwagen zur Ölmühle gefahren.

Partner sind in der Pflicht
Bei der Umstellung auf nachhaltig produziertes Palmöl geht es aber nicht nur darum, geeignete Plantagen zu finden, die den strengen Anforderungen des RSPO genügen. Die Industriebetriebe der Migros müssen auch Rezepturen überprüfen. «Palmöl ist ein Naturprodukt und hat nicht immer die exakt gleichen Eigenschaften», erklärt M-Industrie-Chef Huber. «Wenn wir den Rohstoff von einer anderen Plantage beziehen, ändern sich eventuell auch die Eigenschaften des Öls, was dann Anpassungen in unserer Produktion verlangt.» Betroffen sind dabei Hunderte von Artikeln aus unterschiedlichsten Bereichen.

Hinzu kommt, dass die M-Industrie nicht nur Palmöl benötigt, sondern auch sogenannte Palmölfraktionen und Palmölderivate. Diese Halbfabrikate aus Palmöl beziehen die Industriebetriebe der Migros teilweise von Konzernen im Ausland. «Wir sind darauf angewiesen, dass auch diese Partnerfirmen Palmöl aus nachhaltigem Anbau verwenden», erläutert Huber. Zwar ist die M-Industrie in der Schweiz ein Schwergewicht mit 10'000 Mitarbeitern. Im weltweiten Rahmen kann sie allein aber zu wenig Druck machen. Darum setzt Huber auf den Roundtable on Sustainable Palm Oil: «In dieser internationalen Organisation können wir zusammen mit ausländischen Abnehmern darauf hinwirken, dass auch Palmölfraktionen den Nachhaltigkeitskriterien genügen.»

Alles in allem ist die Umstellung also kompliziert und zeitraubend. Doch Huber ist überzeugt, dass sich der grosse Aufwand lohnt: «Das ist ganz klar eine Investition in die Zukunft.» 

*Dieser Text stammt aus der Januar-Ausgabe von Vivai, dem Wohlfühl- und Nachhaltigkeitsmagazin der Migros.
Vivai anschauen und bestellen unter www.migros.ch/vivai.


Bilder: Monika Flückiger

Kommentare
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von Frederica
am ‎08.03.2013 16:32
Bilder?
Mehr Bilder gib's hier: http://www.migros.ch/de/vivai.html, Vivai 01/2013 Seiten 22 - 25.
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von Community Manager
am ‎11.03.2013 11:33
Hallo Istanbul!

Guter Punkt, vor allem weil das wirklich sehr gute Bilder sind im Artikel. Danke für dein Feedback!

Am besten kommt das Vivai meiner Meinung nach sowieso als Heft zur Geltung. Hier kannst du es kostenlos bestellen: http://www.migros.ch/de/vivai/bestellen.html. Mir persönlich gefällt das Magazin sehr gut, ich finde die Beiträge sehr spannend und immer sehr gut geschrieben.

Grüsse und einen schönen Tag!
Daniel, Migipedia-Team
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von magpie
am ‎26.03.2013 10:07
Ich finde es gut, dass die migros sich um dieses thema kümmert.

dennoch:

die deklaration von palmöl in diversen produkten lässt zu wünschen übrig.
oftmals steht einfach "pflanzliche fette und öle", wie das z.b bei nussmischungen oder bei diversen tiefkühlprodukten der fall ist, und meistens sind diese öle und fette nicht aus raps oder sonnenblumen, sondern eben aus palmöl.
auch weiss praktisch kein mensch, dass in vielen shampoos palmölprodukte drin sind. weil dort nicht palmöl, sondern sodium lauryl sulfat oder weiss ich was drauf steht.

ich hoffe, die migros wird da noch was ändern.
laut dem neuen lebensmittelgesetz müssen solche stoffe sowieso bald deklariert sein, so viel ich weiss. aber halt nur im essen.
es wurde ja gar über ein palmöl-label diskutiert, welches produkte mit palmöl für den verbraucher klar und transparent deklarieren würde. aber dagegen wehren sich die konzerne natürlich.

wird die migros dazu auch noch was machen?
schöne worte und taten sind ja gut, aber solange es für den verbraucher nicht transparent ist, resp. wenn der verbraucher kaum erkennt, wo palmöl drin ist,
hilft das nicht sehr viel, denn so kann man dem öl noch weniger ausweichen.
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von Frederica
am ‎26.03.2013 10:47
@magpie,
Schön das du heute Morgen um 08:13 Radio SFR 1 gehört hast, dann weisst du ja, wie es bei Migros und von Gesetzes wegen weiter geht! Wenn nicht, hier geht es zum Bericht:
http://www.srf.ch/sendungen/espresso/palmoel-kritisiert-und-deklariert.
Nimm dir 4' 23'' Zeit.